Prolog

Prof. Dr. Gerhard Wietek

Kunsthistoriker

Landes-Museumsdirektor

Landesmuseum Schleswig-Holstein

Schloss Gottorf, Schleswig

 

Vorwort zum Werkverzeichnis "Günther Thiersch 1963-1983"

 

Das erste Buch, das dem Maler Günther Thiersch und seiner Kunst gewidmet ist, erscheint zu seinem 70. Geburtstag. Es enthält Beiträge mehrerer Autoren, die von unterschiedlichen Positionen aus auf bestimmte Aspekte im Leben und Werk eines Künstlers eingehen, dessen Stimme ihnen im Chor der zeitgenössischen deutschen Malerei wesentlich erscheint. Gleichzeitig ist der Publikation ein vollständiges Werkverzeichnis aller von 1963 bis 1983 entstandenen Gemälde, Objekte und graphischen Arbeiten beigegeben, mit dem der Maler selbst Rechenschaft über sein bisheriges Schaffen gibt. Die Hoffnung, es möge nur eine Zwischenbilanz sein, auf die mit der Fortsetzung des Werkes weitere folgen, soll deshalb an dieser Stelle vorab zum Ausdruck gebracht werden.

 

Die Beschränkung eines Vorwortes auf diese sachlichen Feststellungen wäre denkbar, sie fällt jedoch hier deshalb nicht leicht, weil Günther Thiersch in einer heute kaum noch vorstellbaren Weise seine Person hinter das Werk stellt und eben damit Fragen und Gedanken über die Relation des Einen  zum Anderen gleichsam von selbst herausfordert. Dass dergleichen an dieser Stelle vor allem auf die persönlichen Begegnungen mit dem Künstler und seiner Kunst bezogen werden kann, wird sicher Verständnis finden und zur Begründung dieses Geleitwortes beitragen.

 

Nach Übernahme des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums im Jahre 1978 , die von Beginn an mit der Absicht verbunden war, der Kunst des 20. Jahrhunderts in den umfangreichen, aber bis dahin vorwiegend den historischen Perioden geltenden Sammlungen einen angemessenen Platz zu verschaffen, gehörte eine zwei Jahre zuvor gemalte "Technische Komposition" von Günther Thiersch zu meinen ersten Neuerwerbungen. In diesem Bild, dem bald weitere folgen sollten, erschienen mir vor allem die Eindeutigkeit, Berechenbarkeit und Bestimmbarkeit des Gegenständlichen sowie die Assoziationen über die nicht sichtbaren Inhalte, die von ihm ausgingen, bemerkenswert.

 

Obwohl ich bisher trotz Delauny, Leger und der gleichfalls historisch gewordenen Neuen Sachlichkeit einer unmittelbaren Konfrontation mit allem Technischen eher distanziert gegenüberstand, eröffnete sich mir hier plötzlich ein direkter Zugang zu jenen immer wieder ins Bild gesetzten Ketten, Rohren  und Apparaten, die Thiersch auf eine nicht vergleichbare Weise in seinen Werken zu vermenschlichen und künstlerisch zu bewältigen vermag. In Ihren durch eine unentrinnbare Dinglichkeit und farbige und räumliche Realität geprägten wie prägenden Formen und Hintergründen wird die Zeit als Vergänglichkeit und damit als Leben sichtbar. Ob man diese aus einem schmalen Formenvorrat gespeisten Bilder nun als ein beständiges "Memento mori" deutet oder sich an historische Vanitas-Stilleben erinnert fühlt – die dem vorher auch durch kunsthistorische Publikationen ausgewiesen Kunstpädagogen ebenso zu Gebote stehen — scheint mir letztlich jedoch weniger wichtig als die Bemerkung, dass sich in seinen Werken wie in seinem Wesen die Absicht erkennen lässt, unvereinbare polare Spannungen miteinander zu verbinden.

 

Der gebürtige Schlesier, der in Schleswig-Holstein eine neue Heimat fand, entstammt einer Landschaft, die sowohl eine preußische, österreichische und slawische Vergangenheit besitzt, in seinem Leben gehen Technik, Militär, Forschung und Lehre, Wissenschaft und freies Künstlertum so etwas wie eine sukzessive Symbiose miteinander ein und ermöglichten es ihm, in einem Alter, da andere ihr künstlerisches Werk vollbracht haben, zu beginnen, sich zu entfalten und beinahe gleichzeitig zu vollenden  und in einer neuen Umgebung Zeichen zu setzen, die unübersehbar wie unverwechselbar sind. In dieser Aufeinanderfolge seiner Wirkungsperioden kann man deshalb sowohl einen rational erstrebten Stufenplan wie die Erfüllung eines intuitiv vorhanden gewesenen Wunsches sehen, der ein Traum war. Entscheidend bleibt, dass er ein Ziel zu erreichen vermochte, das ihm die Möglichkeit bot, künstlerische Freiheit in individuell gestaltete Gesetzmäßigkeit zu verwandeln.

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Portrait Günther Thiersch, Bleistiftzeichnung, 5x 6 cm,

von Pedro Lima, Paris

1943

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Günther

Thiersch

09. Juni 1914 - 17. Oktober 1986