Analyse der Form

Günther

Thiersch

09. Juni 1914 - 17. Oktober 1986

Dr. Paul Zubeck

Kunsthistoriker

Autor

Schleswig-Holsteinisches Landesmuseum

Schloss Gottorf, Schleswig

 

 

Einführung zur Ausstellung am 11. November 1979 im Kunstverein Elmshorn

 

Analyse der bildnerischen Form im Werk von Günther Thiersch

 

Es sind nun bereits eine Reihe von Jahren vergangen, seit Günther Thiersch mit seinem Werk zum ersten mal an die Öffentlichkeit getreten ist. Das geschah damals so plötzlich und so gewichtig, dass es unter den Rezensenten - berufenen wie unberufenen - zu Missverständnissen und Irrungen kommen musste. Hier stand gleichsam wie mit einem Schlag ein in der norddeutschen Kunstszene bisher fast unbekannter, nun aber mit einem fertigen Werk hervortretender Künstler unvermittelt da. Was an seinen Bildern zu irritieren vermochte, war gleicherweise bedingt durch ihre künstlerische Form wie durch die vermittelten Inhalte, vor allem aber durch die Geschlossenheit des Werkes im ganzen, keine tastenden Versuche, kein unsicheres Experimentieren, kein Schwanken zwischen unterschiedlichen formalen Zielen, sondern vollendete Werke von großer Eindringlichkeit.

 

Ungewöhnlich ist aber eines, nämlich dass Thiersch nach seinem künstlerischen Studium zunächst nicht mit einem Kunstwerk, sondern mit einem kunsthistorischen Werk über die Barockkirche zu Rellingen hervorgetreten ist, dem sich bis heute eine stattliche Anzahl weiterer Publikationen angeschlossen hat. Was daraus deutlich wird, ist, dass Thiersch hervorragende Kenntnisse der europäischen Kunstgeschichte besitzt, nun aber nicht allein als Kenner, sondern als bildender Künstler, der die dort erprobten formalen Möglichkeiten in ihrer unerschöpflichen Reichhaltigkeit für das eigene schöpferische Werk fruchtbar zu machen vermag. Das hat überhaupt nichts zu tun mit einer bloßen Abhängigkeit von einem bewunderten Vorbild oder mit einem gefällig-eklektizistischen Kompilieren von formalen Zitaten oder nur der Übernahme von einzelnen Formulierungen, sondern mit dem Fruchtbarmachen, dem Weiterdenken und Weiterformen der in der Geschichte der Kunst bereitgehaltenen Möglichkeiten in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit. Man kann Günther Thiersch mit guten Gründen einen ,,Pictor doctus", einen gelehrten Maler, nennen.


 

Vor allem durch äußere Umstände bedingt, konnte Thiersch erst seit Anfang der 196Oer Jahre in breiterem Maße Bilder schaffen. Von vornherein war sein wesentliches Thema die Welt der Technik; während er diese in einer früheren Phase im Stadium des Verfalls schildert, wobei die dargestellten Artefakte gleichsam vegetabilische oder anthropomorphe Formen annehmen können, gelangte Thiersch seit etwa 1972 in seinen Gemälden zu stringenteren Formulierungen. In bewusster künstlerischer Ökonomie hat Thiersch seitdem sein Schaffen gegliedert; nur seine Gemälde zeigen diese Fortentwicklung, während er sich in seinem zeichnerischen und graphischen Schaffen die Möglichkeiten des Fabulierens offen hält.

 


Es wurde bereits angedeutet, dass der Motivkreis, welcher den Künstler vor allem beschäftigt, das Gebiet der Technik ist, jene Welt der Maschinen, Leitungen, Regler, Röhren, Schalter, Kolben, Aggregate und wie der Bezeichnungen unendlich mehr sind - unbezweifelbar ein Bereich, welcher unser Leben in immer stärker werdender Weise bestimmt und dessen zeitweiliger Ausfall (wie im Winter 1978-79 in Teilen des Landes geschehen) lebensbedrohend sein kann. Man wird allerdings in der Interpretation der Werke des Künstlers vollkommen fehlgehen, wollte man diese in psychologisierender Weise vordergründig als Dämonisierung, Mystifikation oder gar als Glorifikation dieses Lebensbereiches ansehen. Im Vordergrund der Thierschen Gestaltungen steht eindeutig der formale Aspekt der Technik, nicht ihr fremdartiges, dem Laien kompliziert oder unverständlich erscheinendes und damit Ängste erregendes und bedrohend wirkendes Funktionieren. Betrachtet man einmal diese Welt der Schaltkreise, Mechanismen usw. in rein formaler Hinsicht, so lässt sich ihr Bestand durch folgende Kriterien beschreiben: Frei in der Gestaltung, meist glatt in der Oberflache von einheitlicher "technoider" Farbigkeit, eindeutig in der plastischen Gestalt; Würfel, Quader, Zylinder, Kugel, Kegel mit den betreffenden Übergängen zueinander und den jeweiligen Kontrastformen gegeneinander.

 

Wenn Thiersch zu seinen Bildgegenständen fast ausschließlich solche aus dem Bereich der Technik wählt, so deshalb, weil diese Formen von eindeutiger, nicht bezweifelbarer plastischer Gestalt sind. Dabei ist es von einiger Wichtigkeit, dass es sich bei diesen Gegenständen um artifizielle, von Menschen geschaffene handelt. Das gibt dem Künstler die unbegrenzte Möglichkeit, sie je nach der angestrebten Gesamtkonzeption auszuformen: Ein Rohr, eine Kette oder eine Lichtleitung können in der Realität je nach Bedarf so oder so lang oder kurz sein, ohne dass man sie als unproportioniert empfinden würde. Das gleiche gilt für die gemalte oder gezeichnete Realität, so dass dem Künstler alle Freiheiten in der formalen Gestaltung erhalten bleiben.


 

In diesem Zusammenhang muss betont werden, dass die Gegenstände in den Gemälden Günther Thierschs in der gleichen Größe wie in der Realität erscheinen. Diese Beobachtung mag zunächst als nebensächlich oder belanglos angesehen werden; überlegt man aber einmal, dass jede Verkleinerung oder Vergrößerung eines realen Gegenstandes im Bilde eine ungeheure Verfremdung dieses Gegenstandes darstellt, so wird man den realistischen Charakter der Kunst Günther Thierschs nicht verkennen können. Größenidenität ist eine entscheidende Brücke zwischen Realität und in der Bildfläche dargestellter Realität, von durch Licht und Schatten modellierten Bildgegenständen. Diese aber stehen in ihren drei klassischen Dimensionen von Höhe, Breite und Tiefe in dem durch die gleichen Dimensionen bestimmten Bildraum. Dieser Raum, welcher sich beim Tafelbild innerhalb der durch die Rahmenleisten begrenzten Bildfläche entwickeln soll, kann durch zwei formale Möglichkeiten gewonnen werden: Zum einen durch die Überschneidung von Gegenständen, durch das erkennbare Hintereinander von vergleichbaren, eindeutig dargestellten Gegenständen, die sich jedenfalls zum Teil überdecken und damit in ihrer plastischen Modellierung die Wirkung von Raum zwangsweise evozieren müssen; zum anderen aber auch jede Art von Perspektive.


 

Thiersch hat auf die zweite der genannten Möglichkeiten (wie man sagen muss : konsequenterweise) weitestgehend verzichtet. Seine Bildräume sind untief; Ausblicke in reale Gegenden fehlen, ein Horizont ist meist nicht auszumachen. Trotzdem sind sie von der größten Mannigfaltigkeit. Der Bildhintergrund ist bildflächenparallel gegeben, häufig mit Strukturierungen wie etwa Mauerwerk oder rissigem Putz. Er kann mehrschichtig sein, wenn etwa auf den hintersten Grund knitteriges Papier aufgeklebt zu sein scheint. Wiederum sichern identische Größen zwischen realer und gemalter Struktur wie auch die Bildflächenparallelität des notwendigerweise untiefen Bildraumes einen größtmöglichen Realitätscharakter, wobei das Lineament des Hintergrundes außerdem die Linearkomposition betont, seien es nun die dynamischen Schrägen (wie bei aufplatzendem Putz oder zerknittertem Papier) oder der sonore Rhythmus von Waagerechten und Senkrechten der Fugen des Mauerwerks. Bezeichnenderweise ist auch der Hintergrund fast ausnahmslos als Materie, z.B. als Mauerwerk etc., nicht aber als die atmosphärische Unendlichkeit eines Himmels ausgebildet. Dadurch wird die Körperlichkeit der Bildgegenstände noch weiter nach vorne - zum Betrachter hin - getrieben.

 

Das Licht kommt hinzu: Nicht als Lichtquelle im Bild, nicht als aus dem Bild Strahlendes, sondern als Schlaglicht oder Schlagschatten auf dem Bildgrund. Das jeweilige Bildlicht schafft die jeweils unterschiedliche Atmosphäre; gerade durch die Überlagerung der Bildgegenstände und des Bildhintergrundes durch Lichtformen gewinnt der untiefe Bildraum neue, scheinbar von außen - aus dem realen Raum kommende und damit den Betrachter einbeziehende Perspektiven. Als Schattenhaftes kann dann gleichsam Natur in den Bildern von Günther Thiersch in Erscheinung treten, etwa die Zweige eines Baumes. Gleichzeitig aber wird das immaterielle, atmosphärische Licht dadurch zur in der Fläche ausgebreiteten Form. In der Kunst Günther Thierschs sind eine ganze Reihe von künstlerischen Tendenzen des 20. Jahrhunderts, aber auch ältere im Hegelschen Sinne "aufgehoben“, d. h. bewahrt und gleichzeitig auch verarbeitet. Das Modellieren der Bildgegenstände durch Licht und Schatten und die Raumhaltigkeit der Gesamtkomposition etwa stehen in der Tradition der gegenständlichen europäischen Malerei, während ganz allgemein gesehen die Flächigkeit der Komposition eher den Tendenzen der Malerei des 20. Jahrhunderts folgt. Manche der Thierschen Gemälde erinnern mit ihrem Rhythmus aus Senkrechten und Waagerechten an konstruktivistische Bilder der 1920er Jahre, andere mit ihren aufplatzenden oder aufreißenden Bildgründen nehmen Formprobleme des analytischen Kubismus (nun aber in beiden Fällen in gegenständlicher Darstellung) auf . lm Grunde ist die Kunst Günther Thierschs einfach und konsequent - vielleicht das Schwierigste, was zu vollbringen möglich ist.

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Portrait Günther Thiersch, Bleistiftzeichnung, 5x 6 cm,

von Pedro Lima, Paris

1943

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