Von "Nocturne" zur "Technischen Komposition"

Günther

Thiersch

09. Juni 1914 - 17. Oktober 1986

Wolfgang Tulle

(siehe auch:

WolfgangTulle.de )

Künstler

Freund

Wegbegleiter

 

Gedanken anlässlich des 100. Geburtstages von Günther Thiersch

 

 

Von „Nocturne“ zur „Technischen Komposition“

 

 

Offen heraus, wer den Menschen und Künstler Günther Thiersch gut kannte, steht immer noch verwundert vor dem fast zügellosen Einstieg in seine künstlerische Arbeit.

Opus 1, „Nocturne“ 1, ein Nachtstück also, in dem ein Wolkenschleier aufreißt und verweht. Fließende 2, stürzende 3 Gebilde, die „Erinnerungen an einen Sommertag auf Sylt“ 4, auch später noch vegetativ Wucherndes 5, streben zum Bildrand ihrer Auflösung entgegen, und in der Handzeichnung „Explosive Bewegung“ 6 fliegt alles allseits davon. Jedes Mal wird hier eine wie immer gedachte Einheit fantasievoll seziert, zerdehnt, zu einem Bilde entzerrt.

 

Nicht spontan, aber radikal in der Abkehr von Stoff und Methode verlässt er, ich sage, den Umweg und wendet sich einem ihm gemäßen Konzept zu. Lange schon hat er die reichen Arsenale der industriellen Fertigung und Manufaktur vor Augen, also Motive, die von Natur aus Kontur und Stabilität in ein Bild bringen können. Tatsächlich nehmen sechskantige Bolzenköpfe, Kugellager,Gestänge aus Stahl, zuerst nur schemenhaft, zunehmend Form an, und die kurze Zeit der amorphen Sujets geht zu Ende.

Demonstrativ wird laut Titel der Mond „enttarnt“ 7, gemeint als verbaler Hinweis auf den formal-ästhetischen Ansatz im neuen Konzept. Entpoetisiert ist das leuchtende Gebilde bereits in „Helle Nacht“ 8 vom Himmel auf die Erde geholt, wo es, hier und da noch zur Fratze gewandelt, schließlich in seiner Eigenschaft als runde Urform fortlebt, etwa im Rad, Ring, in der Kugel.

So wie die Dinge schlechthin nicht als solche, sondern in ihrer Grundeigenschaft zum Gegenstand der Darstellung werden. Um die Vielfalt der Charaktere so erschöpfend wie möglich einzusetzen, wird mutig kombiniert oder, was ja dasselbe sagt, wird frei „komponiert“. Der physikalisch-technischen Realität zuwider bleiben irritierende Konstellationen dabei nicht aus. Von den „unendlichen Möglichkeiten“ hat der sonst leise Thiersch im Rausch seiner Arbeit einmal laut geschwärmt.

 

Schauen wir auf Farbe, Form, Raumbeherrschung usw. bis hin zum fertigen Werk, welches nicht mehr organisch wachsend, sondern als streng formale Einheit entsteht. Und die treibende Fantasie hat bei allem ihr Recht, wenn auch ab jetzt im Rahmen eines kontrollierten Verfahrens.

 

— Gebrochene Farben, ins Weiche tendierend / lokale Akzente /

komplementär–harmonisch oder doch lieber die harmonisierende

Monochromie / auf alle Fälle lasierend, kein wilder Strich.

— Das Meditative des ebenen Farbgrunds / starre Gerüste / Verletztes:

genarbt, durchbrochen, gerissen, von Rost zernagt /

Magie der makellosen Form.

— Kessel, Schornstein / Fugenwand / filigranes Schattenspiel /

Reste von Vegetation / Schutt.

— Zentralperspektive tabu / Frontaleffekt nach Art einer Großaufnahme.

— Das graphische Moment im Gewand von Kette, Kabel, Kordel,

Rohr: geschwungen, geschlungen , geknickt, straff senkrecht, in Waage.

— Schlaglicht / Schatten / Lichtreflexe / Lichtkranz wie eine Korona.

— Ein Punkt, ein Kreis, ein Schraubenkopf / Kugel, Lampe, Mondgesicht,

ein Zifferblatt: goldfarben umrandet, Glanzlicht im endlosen Grau.

 

Sehr komprimiert steckt darin doch die Kunst des Bildwerks, seine Entwicklung ganz im Einklang mit der sinnlichen Wahrnehmung: In immer wiederkehrendem Reiz schwankt unser Sehen zwischen dem, was vertraut oder ihm ähnlich ist und dem, was fremd oder anders ist. Dem einen entspricht die Kunst mit der „Variation“, dem anderen mit dem „Kontrast“. Mit den erfindungsreich arrangierten „Rivalitäten“ wird das Bild zum Platz für sinnliche Abenteuer, für das Schweben zwischen Gleichmaß und Pointe. Denn einmal auf ihr Feld gesetzt, bringt jede einzelne Komponente ihre Wirkung ins Spiel, und der sensible Betrachter spürt, wie das Ganze in Spannung gerät.

 

So konzipiert ist „Charleroi“ 9

zum Beispiel ein formal-ästhetisches Ereignis:

 

— Bei aller Dramaturgie der Farbe, die Linie setzt ihre grafischen Akzente.

— Ein Schwall von glühendem Rot-Orange flutet gegen grünliches Blau.

— Im flackernden Licht der Farben ein Reigen aus gewelltem, gestanztem,

durchbohrtem, verbogenem Blech.

— Messerscharfe Konturen vor schwarzem Grund.

— Rechteckraster und Quadrate.

— Risse, Falten, Bolzenköpfe.

— Das Bandeisen verschraubt, ein flattriges Kabel.

— Hell-dunkel markant der Haltepunkt eines Hebels.

— In den leeren Raum ragend das dreifingrige Ende des Hebels

zur Greifhand gekrümmt.

— Im Halbkreis eines gebrochenen Rades unversehrt eine Kugel.

 

Alles in allem ein Feuerwerk, entfacht aus reißender Dynamik und Starre.

 

Dass „Kompositionen“ unversehens zu „Stillleben“ geraten, liegt nahe. Ob Jagdbeute, Zinnteller, Schale mit Früchten oder die Ansammlung von technischem Gerät „mit großem Rad“ 10 , alles ist allgegenwärtige „tote Natur“, in freier Manier zusammengeschaut zu einem Bild, damals wie heute.

 

Zu Ende gedacht führt das Konzept zu Projekten, die auf Blatt, Leinwand oder Druckplatte verzichten. Das Original, das treue Motiv, steht sozusagen nicht länger Modell. Es wird selbst zum Träger der Bildidee und heisst dann „Technische Komposition im Kasten“, „Objektbild“ oder schlicht „Objekt“.

 

Als ob auf Stelzen stehend, halb Maschine, halb Kreatur, kommen drohend diese Elendsfiguren daher und sind doch keine Boten des Unheils. Sie geschehen ihm in einer Phase, in der er am Alten noch hängt und das Neue schon will. Fabulierend setzt er da einem Skelett zum Beispiel eine eiserne Maske auf 11 . Mehr soll es nicht sein. An der Fluch- und Segen-Debatte nimmt Günther Thiersch nicht teil. Er würde sonst den Elektrischen Stuhl, den Torpedo, den Kampf-Jet, die Bombe malen müssen.

Er sieht die „Traumfabrik I" 12 , sieht die „Capricci“ 13 und findet die „Blume der Technik“ 14 , hat Spaß am Spiel mit makaberem Witz und Ironie in fünfzehn virtuos collagierten „Intermezzi“ 15 , erhebt die Parkuhr zum „Denkmal“ 16 . Vor allem aber setzt er gegen „VANITAS VANITATUM“ 17 , „OMNIA VINCIT TEMPUS“ 18 und den eigenen Zweifel am Geist des technischen Fortschritts standhaft sein Ideal des formal-ästhetischen Kunstwerks, die „Technische Komposition“.

 

Technisches Capriccio VII, 1981, 19

Künstlerischer Feinsinn am Tempel der Antike

Gegen die vereinte Energie aus parallel formierten Heizkörperrippen und den konisch gestreckten Kanneluren einer ionischen Säule muss allerlei aufgeboten werden, um Balance zu halten. Der Winzling von einem Thermostaten nimmt sich gleich drei formverwandte Voluten an die Seite, und gemeinsam mit einer zierlichen Rohranordnung, Gesims und leichter Wandstruktur, dazu von oben schräg niederfallendem Widerschein eines unsichtbaren Geästs wirkt er im Zentrum gegen den mächtig aufragenden Schaft und dessen schwächeres Pendant, den Radiator.

 

Fazit: Formale Erwägungen stecken in jeder Kunst, sie teilen sich mit. Regie führt indessen, auf Dauer verborgen, die Intuition. Wie also geht es, dass diese Kunst der „Technischen Kompositionen“ Gemüt und Verstand gleichermaßen bewegt?

 

 

Querverweise auf die

angesprochenen Werke

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1 Werkverz. Nr. 1

2 Werkverz. Nr. 3

3 Werkverz. Nr.6

4 Werkverz. Nr. 14

5 Werkverz. Nr. 287

6 Werkverz. Nr. 268

7 Werkverz. Nr. 52

8 Werkverz. Nr. 31

9 Werkverz. Nr. 50

10 Werkverz. Nr. 76

11 Werkverz. Nr. 27

12 Werkverz. Nr. 306

13 Werkverz. Nrn. 218-233

14 Werkverz. Nr. 38

15 Werkverz. Nrn. 288-302

16 Werkverz. Nr. 350

17 Werkverz. Nrn. 343-347

18 Werkverz. Nrn. 418-422

19 Werkverz. Nr. 224

 

 

 

Technische Komposition "Charleroi", 1968

Öl auf Leinwand

Werkverz. Nr. 50.

 

Technisches Capriccio VII/1981

Öl auf Leinwand

Werkverz. Nr. 224.

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Nocturne, 1963

Öl auf Papier, 70 x 80 Werkverz. Nr. 1

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Kunstunterricht am Ufer der Krückau.: Günther Thiersch beim Zeichenunterricht mit Wolfgang Tulle. (Foto privat)

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